Kratzers provokante Paradies-Premiere spaltet die Hamburger Staatsoper
José MartinKratzers provokante Paradies-Premiere spaltet die Hamburger Staatsoper
Die Hamburger Staatsoper präsentiert eine mutige Neuinszenierung von Robert Schumanns Das Paradies und die Peri
Unter der Regie von Tobias Kratzer, der mit dieser Produktion sein Debüt als Intendant feiert, erlebte Schumanns Oratorium eine provokante Neuinterpretation, die moderne Themen mit der Romantik des 19. Jahrhunderts verbindet. Die Premiere löste starke Reaktionen aus – zwischen Buhrufen und begeistertem Applaus spiegelte sich die polarisierende Wirkung der Inszenierung wider.
Kratzer deutet den sterbenden Jüngling in Schumanns Werk als schwarzen Mann, der sich einem weißen Anführer widersetzt. Die Handlung spielt in der Gegenwart: Straßenproteste eskalieren zu einem Krieg, angeheizt von einem weißen Antagonisten. Der Regisseur bricht gezielt die vierte Wand, indem Kameras über das Publikum schwenken und die Zuschauer so direkt in die gesellschaftskritische Reflexion einbeziehen.
Höhepunkt der Inszenierung ist ein kollektiver Mord: Bühnenblut spritzt auf die Peri – verkörpert von Vera-Lotte Boecker – und ihr weißes Kleid. Der getötete Jüngling übergießt sie im Gegenzug mit Blut, was die visuelle Wucht der Szene noch verstärkt. Boeckers Spiel reicht bis ins Parkett, wo sie über Sitzreihen klettert, um sich neben eine weinende Zuschauerin zu setzen – ein Symbol roher Empathie.
Parallel zur Haupthandlung entfaltet sich ein modernes Pest-Szenario: Ein Infizierter und seine Geliebte sterben gemeinsam in Quarantäne, was Themen wie Isolation und Krise aufgreift. Der Chor, unter der Leitung von Omer Meir Wellber, übernimmt dabei eine aktive szenische Rolle und unterstreicht den immersiven Charakter der Produktion.
Die Premiere markiert den Auftakt von Kratzers Vision für das Opernhaus, das künftig stärker mit der Hamburger Stadtgesellschaft in Dialog treten soll. Geplante Produktionen wie Monster's Paradise und Frauenliebe und -leben werden die Reihe innovativer, selbstkuratierter Musiktheaterabende fortsetzen.
Die gespaltene, letztlich aber begeisterte Resonanz des Publikums unterstreicht die emotionale und thematische Dichte der Inszenierung. Kratzers Regieentscheidungen – vom Bruch mit Theaterkonventionen bis zur Auseinandersetzung mit Rassismus und kollektiver Schuld – setzen einen klaren Akzent für seine Amtszeit. Die Hamburger Staatsoper blickt unter seiner Führung gespannt auf weitere grenzüberschreitende Aufführungen.






