Syriens Übergangspräsident in Berlin: Hoffnung oder leere Versprechen für die Demokratie?
Nikolaus FreudenbergerSyriens Übergangspräsident in Berlin: Hoffnung oder leere Versprechen für die Demokratie?
Ahmed al-Scharaa, Syriens Übergangspräsident, besucht diese Woche Berlin. Die Reise hat unter deutsch-syrischen Aktivisten und Menschenrechtsgruppen eine Debatte über die demokratische Zukunft des Landes ausgelöst. Sophie Bischoff, Co-Vorsitzende der deutsch-syrischen Organisation Adopt a Revolution, bezeichnete die Einladung als positiven Schritt – allerdings nur, wenn sie an klare Reformauflagen geknüpft sei.
Der Besuch folgt dem Zusammenbruch des Regimes von Baschar al-Assad im Dezember 2024. Seither ist Syrien in konkurrierende Fraktionen zerfallen: Hayat Tahrir al-Scham (HTS) kontrolliert Idlib und weite Teile des Nordens, während die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) den Nordosten verwalten. Von der Türkei unterstützte Gruppen halten Teile des Nordwestens. Trotz der Instabilität hat die lokale Zivilgesellschaft an Einfluss gewonnen – mit Basisinitiativen in den Bereichen Versöhnung, Dienstleistungen und Interessenvertretung, insbesondere in von HTS kontrollierten Gebieten wie Idlib, wo sich Frauenräte gebildet haben. In SDF-Gebieten wirken zivilgesellschaftliche Akteure mittlerweile in autonomen Regierungsräten mit, doch anhaltende Gewalt und wirtschaftliche Not schränken ihre Reichweite ein.
Bischoff kritisierte Bundeskanzler Friedrich Merz dafür, deutsche Unterstützung an die Wiederbelebung von Abschiebeabkommen zu knüpfen. Stattdessen forderte sie stärkere rechtliche Schutzmechanismen für Syrer in Deutschland und eine Konzentration auf den Aufbau demokratischer Strukturen. Ihre Organisation Adopt a Revolution arbeitet seit 2011 mit lokalen Partnern zusammen, um die Zivilgesellschaft zu stärken. Sie warnte, die Übergangsregierung werde zunehmend autoritär, setze Einschüchterungstaktiken ein und betonte, Syrien leide nach wie vor unter einem schweren demokratischen Defizit.
Farhad Ahma vom syrischen Kulturzentrum PEL-Civil Waves äußerte Bedenken, Berlin engagiere sich ausschließlich mit der Administration al-Scharaas. Vertreter von Adopt a Revolution unterstützten diese Kritik und drängten die Bundesregierung, lokale Gemeinschaften in die Wiederaufbaupläne einzubinden. Bischoff bezeichnete den aktuellen Moment als historische Chance für die Demokratie – allerdings nur, wenn internationale Unterstützung an echte Reformen geknüpft werde.
Al-Scharaas Besuch unterstreicht die Spannung zwischen diplomatischem Engagement und demokratischer Rechenschaftspflicht. Deutsche Regierungsvertreter stehen nun unter Druck, ihren Ansatz zu erweitern und sicherzustellen, dass jede Unterstützung für Syriens Übergang auch die Zivilgesellschaft und lokale Stimmen einbezieht. Das Ergebnis könnte sowohl Deutschlands Rolle in der Region als auch die Zukunft des fragilen politischen Gefüges Syriens prägen.






