26 March 2026, 00:23

Wie eine Berliner Künstlerin die osmanische Meddah-Tradition feministisch neu erfindet

Gemälde eines Mannes in Turban und langem Gewand, der auf einem Stuhl sitzt, und einer Frau in einem prächtig bestickten Kleid mit einem Kopftuch neben ihm, beide mit ernsten Gesichtern, beschriftet mit 'Türkisch' unten.

Wie eine Berliner Künstlerin die osmanische Meddah-Tradition feministisch neu erfindet

Im Herzen von Berlin-Kreuzberg wird eine jahrhundertealte osmanische Tradition mit modernem Einschlag wiederbelebt. Neslihan Arol, eine Meddah-Geschichtenerzählerin, tritt im Bavul Café auf und verbindet in ihren Soloauftritten Humor, Politik und feministische Experimente. Ihre Arbeit stellt traditionelle Geschlechterrollen infrage und hält gleichzeitig eine Erzählkunst am Leben, die einst in osmanischen Kaffeehäusern blühte.

Arols Weg zur Meddah begann fernab der Bühne. Zunächst studierte sie Chemieingenieurwesen, wechselte dann zur Schauspielerei und erwarb später einen Masterabschluss mit Fokus auf Clowns aus feministischer Perspektive. Ihre acht Jahre dauernde Forschung untersucht, wie Komik und Clownerie Machtstrukturen aufdecken und die Befreiung der Frau vorantreiben können.

Ihre Auftritte sind alles andere als konventionell. Mit einer einfachen Teelichtkerze – einer sicheren Alternative zur alten Gaslampe, die sie einst nutzte – symbolisiert Arol die Menschlichkeit der Meddahs. Die Kerze brennt während der gesamten Vorstellung und wird erst am Ende ausgeblasen, um das Ende der Erzählungen zu markieren. Die Geste ist zugleich eine Verbeugung vor der Tradition und eine persönliche Note.

Auf der Bühne verwebt sie Deutsch, Türkisch und Englisch zu lebendigen, mehrsprachigen Geschichten. Die Erzählungen sind witzig, scharfzüngig und tiefgründig politisch – ein Spiegel ihres feministischen Ansatzes. Indem Arol Kulturen und Sprachen vermischt, wird ihre Meddah-Kunst zu mehr als bloßer Unterhaltung: Sie schafft einen Raum, in dem Geschlechternormen hinterfragt und neu gedacht werden.

Die Meddah-Tradition selbst reicht bis ins Osmanische Reich zurück, wo Solokünstler in Kaffeehäusern das Publikum unterhielten. Doch diese Geschichtenerzähler taten mehr, als nur zu belustigen: Sie karikierten die Obrigkeit, vermittelten Moralvorstellungen und bewahrten die Kultur. Arols moderne Interpretation hält den Geist dieser Kunst lebendig, sprengt dabei aber Grenzen und beweist, dass eine uralte Erzählform auch heutige Zuschauer anspricht.

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Mit ihren Auftritten im Bavul Café bringt Arol eine Tradition des 16. Jahrhunderts ins Berlin des 21. Jahrhunderts. Ihr feministisch geprägtes, mehrsprachiges Storytelling unterhält nicht nur, sondern fordert das Publikum auf, Macht, Geschlecht und Kultur neu zu denken. Mit jeder Vorstellung sorgt sie dafür, dass die Meddah eine lebendige, sich weiterentwickelnde Kunstform bleibt.

Quelle